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english version

His fingers ran slowly across the nose, cheekbones, lips, and chin. The expressive yet invariable lines promised both, protection and terror at once. Its magic spell shows the wearer a special place within Foucault’s panopticism, within that self-perpetuating world of visibility. The darting looks of others bounce off of the outer shell, not standing a chance of piercing the wearer below. It was during silent moments like these that he was overcome by the fear to lose parts of his personality as well. He sighed as he put on the mask. For a second he thought of Hamlet and disappeared into the night.

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Many of the heroes and villains who capture our imagination wear a mask. Masks mark the continuation of a millennia-old tradition; a tradition that represents an approach to as well as an alienation from the human face as a bearer of emotions and consequently as an expression of personality. Originating from rites and rituals, masks constitute a cross-over of exposure and disguise. They are used for cognition, expression, and communication. The wearer assumes a role, the mask bestows new powers upon him.

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Sebastian Weggler’s latest complex of works is a collection of masks. They are not wearable, their owner does not turn into a hero or a villain by putting them on. As a collector of masks, the artist invites his visitors to a complex reflection, extending far beyond pop-cultural references. They constitute a happy place of possibilities, where the actual personality of an assumed wearer of a mask is lesser of an interest than rather the aesthetics of the mask and the role of the mask as an ambiguous figure and crossing point. Following traditional Swabian and Alemannic carnival silhouettes, Sebastian Weggler’s masks are carefully carved out of wood and one of a kind. Sometimes their material is disguised by vibrant colors. Furthermore, the term “Wild People” alludes to a common Alemannic carnival theme. However, Weggler puts it into a rather mythical, international context. Weggler tenderly plays with stereotypes. On the one hand, there is the stereotype of the mask, which, despite careful attention to detail, always constitutes a simplification and transformation of facial features. On the other hand, there is also the stereotype of their ferocity, aiming at deterrence. The ferocity featured in this exhibition follows the examples of European, African, and American masks, and also includes pop-cultural references. It is broken up by a subtle humor that manifests itself in the careful attention to detail and use of colors. For example, there is a Cyclops with little florets growing out of its head, and a skull wearing an aureola similar to the Statue of Liberty. The color in itself is so vibrant that it easily steals the brooding gloom from a mask reminiscent of Batman, and files it with some kind of blatant elegance that all of Weggler’s masks have in common.

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Who would dare to determine whether these masks are those of heroes or those of villains? The attribution is left to the beholder’s imagination. By avoiding explicit attribution and simultaneously having a recourse to the beholder’s pool of experience, Sebastian Weggler opens a possibility space, rich in shapes and colors, within the transformation of ritual, pop-cultural, and traditional handicraft contexts. Within the realm of aesthetic experience, it provides a cause for thought, a reason to think about the aesthetics, the role, and the tradition of the mask itself; yet, it may also be the springboard for the beholders to let their imagination run free. In this respect, the masks presented here appear as the keepers of a magic spell inherited from their predecessors, that inscribes itself via the arts into the pool of experience.

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If the anonymous wearer of the mask has accidentally fallen from a not quite so comfortable window sill during a moment of inattention – perhaps because after all, he gave a little too much thought to the relationship between his personality and the mask – we can be sure that a mischievously smiling artists will pick up the mask left behind, and add it to his collection. Not as a remnant or a trophy, but as a catalyst of the aesthetic experience, where the beholders will think about their own masks eventually.

(text: Julia Gerber   translation: Katharina Leuck)

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Langsam strichen seine Finger über Nase, Wangenknochen, Lippen und Kinn. Die ausdrucksvollen und doch unveränderlichen Linien versprachen Schutz und Schrecken zugleich. Ihr Zauber weist ihrem Träger einen besonderen Platz im foucaultschen Panoptismus, in jener sich selbst perpetuierenden Welt der Sichtbarkeit zu. Die Blicke der anderen prallen am Äußeren ab, ohne zu ihm selbst vorzudringen. In stillen Momenten wie diesen, beschlich ihn die Angst, dass auch ihm Teile seiner Persönlichkeit entglitten. Mit einem Seufzer zog er sich die Maske über, dachte für einen flüchtigen Moment an Hamlet und verschwand in der Nacht.

Viele der Helden und Schurken, die unsere Phantasie anregen, tragen eine Maske. In ihr setzt sich eine jahrtausendealte Tradition fort, die sowohl eine Annäherung an als auch eine Distanzierung vom menschlichen Gesicht als dem Träger von Emotionen und damit als Ausdruck der Persönlichkeit darstellt. Hervorgegangen aus rituellen Handlungen überkreuzen sich in ihnen Enthüllung und Verhüllung. Sie dienen dem Erkennen, der Darstellung und der Kommunikation. Ihr Träger schlüpft in eine Rolle, die Maske verleiht ihm Kräfte. Sie kann als Sinnbild und Verstärker sozialen Rollenverhaltens gesehen werden.

Sebastian Wegglers neuester Werkkomplex ist eine Sammlung von Masken. Sie sind nicht tragbar, ihr Besitzer wird nicht zum Helden oder Schurken, indem er sie sich überstreift. Der Künstler als Maskensammler lädt vielmehr zu einer vielschichtigen Reflexion ein, die weit über popkulturelle Referenzen hinausgeht. Sie stellen einen fröhlichen Ort des Möglichen dar, in dem weniger die tatsächliche Persönlichkeit eines angenommenen Maskenträgers von Interesse ist, als vielmehr die Ästhetik der Maske und ihre Funktion als Kreuzungspunkt und Kippfigur. Im Anschluss an traditionelle Fasnet Schemen handelt es sich bei Sebastian Wegglers Masken um aus Holz geschnitzte Einzelstücke, deren Materialität zum Teil durch eine satte Farbigkeit überdeckt wird. Darüber hinaus verweist die Bezeichnung „Wilde Leute“ auf ein verbreitetes Fasnet-Motiv, das von Weggler aber in einen fantastischen, internationalen Kontext gestellt wird. Weggler spielt liebevoll mit der Stereotype, sowohl der Stereotype der Maske, die bei aller Detailgenauigkeit doch immer eine Vereinfachung und Überformung der Gesichtszüge darstellt, als auch mit der Stereotype der auf Abschreckung zielenden Wildheit. Denn die hier zur Schau gestellte Wildheit, die sich etwa an traditionelle europäische, afrikanische und amerikanische Masken anlehnt und popkulturelle Referenzen miteinschließt, wird von einem hintergründigen Humor gebrochen, der sich in der Ausarbeitung der Details und dem Einsatz der Farbe manifestiert. So wachsen auf dem Kopf eines Zyklopen Blümchen und ein Totenschädel trägt einen Strahlenkranz, der an die Freiheitsstatue denken lässt. Die Farbe selbst ist in ihrer Strahlkraft so satt, dass sie auch einer an Batman erinnernden Maske jene brütende Düsternis nimmt und sie einreiht in eine Art aufdringliche Eleganz, die alle wegglerschen Masken verbindet.

Wer mag schon sagen, ob es sich bei diesen Masken um die von Helden oder Schurken handelt. Diese Zuschreibung bleibt der Phantasie des Betrachters überlassen. Indem Sebastian Weggler eindeutige Zuschreibungen vermeidet und gleichzeitig auf den Erfahrungsschatz des Betrachters rekurriert, eröffnet er in der Transformation von rituellen, popkulturellen und traditionell kunsthandwerklichen Kontexten einen form- und farbenprächtigen Möglichkeitsraum, der in der ästhetischen Erfahrung Anlass gibt, über die Ästhetik, die Funktion und die Tradition der Maske selbst nachzudenken, der aber auch der Ausgangspunkt für das Spiel der Phantasie des Betrachters sein kann. Insofern erscheinen die hier repräsentierten Masken als Bewahrer eines von ihren Vorgängern ererbten Zaubers, der sich über die Kunst in die Erfahrung einschreibt.

Falls der namenlose Maskenträger in einem Moment der Unachtsamkeit, vielleicht, weil er doch ein wenig zulange über das Verhältnis von Maske und Persönlichkeit nachgedacht hat, von einem nicht ganz so komfortablen Fenstersims gefallen ist, dann können wir uns sicher sein, dass ein verschmitzt lächelnder Künstler die zurückgelassene Maske mitnimmt und seiner Sammlung einverleibt. Nicht als Relikt oder Trophäe, sondern als Katalysator der ästhetischen Erfahrung, in der der Betrachter am Ende noch über seine eigenen Masken nachdenkt.

 

Text: Julia Gerber