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I.

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Erfreut treten wir näher. Kunst: unbeschwert und heiter strahlend, die uns zuruft, verweile doch, ich bin so schön. Will sagen, meine Penetranz ist von der Art, die nichts von dir verlangt, nur einen Wimpernschlag deiner Lebenszeit, dein dich nichts kostendes, vielmehr dich bereicherndes Amüsement. Komm und tritt näher. Spätestens hier wird es riskant. Sie müssen nämlich wissen, dass nicht jedes harmlos erscheinende Werk tatsächlich harmlos ist. Letztere gehören vielmehr zu einer ganz perfiden Gattung. Man könnte sie auch die Venusfliegenfallen der Kunst nennen. Sebastian Wegglers Arbeiten gehören zu dieser hinterhältigen Sorte.

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II.

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Auf den ersten Blick erscheinen die Arbeiten Wegglers voller Witz, Varianten- und Ideenreichtum sowohl in Bezug auf den Inhalt, als auch auf das verwendete Material. Sie erlauben dem Betrachter sich ihnen mit einer unbefangenen Neugier zu nähern. Die verwendeten Medien reichen von Öl auf Leinwand über die Verwendung von Briefmarken als Farbträger, den Einsatz von Filz bis hin zu Videoarbeiten. In diesem Zusammenhang kann von der Konsequenz des Unterschiedlichen gesprochen werden. So verschieden die einzelnen Medien auch erscheinen, ihre Wahl ist stringent. Ausgehend von der, zumindest was die mit ihr verbundene Implikationen anbelangt, klassisch anmutenden Ölmalerei, erschließt Sebastian Weggler Materialbereiche, die mit Massenproduktion in Verbindung stehen und überführt sie in Kunst und somit in Singularität. Seine Werke transportieren das Spannungsfeld der industriellen Verfertigung und des Arbeitens von Hand. In ihnen wird eine der Herausforderungen der industriellen Revolution, die bis heute die Kunst umtreibt, angesprochen, ohne diese mit aller Vehemenz in den Vordergrund drängen zu müssen. In diesem Ansatz liegt die große Qualität der Arbeiten Sebastian Wegglers. Der Betrachter wird, angelockt durch das verwendete Material und die behandelten Themen, die einen Grad der Vertrautheit zwischen ihm und dem Werk evozieren, die den Bereich der Kunst überschreitet, auf diese zurückgeworfen. Von der sichtbaren, zu Entdeckungen verleitenden und sich zugleich als unkompliziert präsentierenden Oberfläche des Werks eröffnen sich leise tiefere Sinnschichten, in die der Betrachter vordringen kann, zu denen er aber nie gezwungen wird. Wo andere Künstler auf den Kunstcharakter oder aber die industrielle Verfertigung ihrer Werke insistieren, unterbreitet Weggler oszillierende, sich nicht auf ein entweder oder einlassende Angebote und wendet doch alles in Kunst.

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III.

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Die Frage, was zuerst da war, das Medium und seine Möglichkeiten oder das auf diesem Dargestellte, erweist sich bei den Arbeiten Sebastian Wegglers als Sekundär. Das im Medium verfolgte Konzept erstreckt sich auch auf den Bereich des zur Anschauung gebrachten. Obwohl das Material Filz und seine Verwendung als Teppich klare Bezüge in die Kunstgeschichte erlaubt, wenn nicht fordert, so steht doch zunächst die Verbindung zum Alltäglichen im Vordergrund. Auf einer vorgelagerten Ebene markiert die Art der Präsentation das Einzugsgebiet der Kunst. Diese Ambivalenz setzt sich im einzelnen Werk fort und ermöglicht die verschiedensten Assoziationen. So lassen sich auf inhaltlicher Ebene mehrere Themenbereiche, die durchaus als „männlich “ konnotiert zu bezeichnen sind, ausmachen. Sie können mit Jagd, Fleisch und Tod bezeichnet werden und suggerieren zunächst auch in der Art der Darstellung eine unbefangene Naivität, die es dem Betrachter erlaubt, sich dem Witz der Arbeit hinzugeben. Dabei kann das Werk als Baukastensystem verstanden werden. Die immer wieder erfolgende Neukombination der einzelnen Versatzstücke schafft Zusammenhalt und Differenz. Ein Weggler ist immer eine Weggler und dies ist wörtlich zu nehmen, kann man doch geradezu von einer Inflation des Selbstporträts in den Arbeiten Sebastian Wegglers sprechen. Sie ist als Branding, als auf die Spitze getrieben Selbstinszenierung zu sehen und überwindet in der Masse sich selbst. Der Künstler, mehrfach im Bild, verkauft sich in einer Szene, die so banal wie prägnant ist, selbst einen Teppich und zeigt als Künstler dem Betrachter einen Teppich. Weggler wird im Anklang an die Tradition des Wandteppichs zum Helden seines Werks, allerdings zu einem Helden, der ein Blutwurstbrot verspeist. Er eröffnet gleichzeitig in der Vervielfältigung seiner Selbst dem Betrachter Unbefangenheit, da die Figur des Künstlers zum Platzhalter des anderen wird, sie hinter sich selbst verschwindet.

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IV.

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Dabei kann der Humor, von dem Wegglers Arbeit durchzogen ist, auf zwei Ebenen verortet werden. Wenn man die erste, das einzelne Werk aufgrund seiner Unverhülltheit stark prägende Ebene, mit Witz bezeichnen möchte, was stets auch Geist mit implizieren sollte, so kann die zweite Ebene, die klar hervor scheint, wenn der Blick auf mehrere Werke und die Shop-Situation, in denen sie Sebastian Weggler präsentiert, gerichtet wird, Humor genannt werden. Um ein weiteres Beispiel zu wählen: Weggler bezieht sich in seinen Videoarbeiten nicht nur auf Videospiele und somit auf das veränderte, von diesen geprägte Freizeitverhalten seiner Generation. Vielmehr zitiert er in ihnen, nicht zuletzt manifestiert in ihrer aufreizenden Langsamkeit und Handlungsarmut, das Klischee des Kunstvideos. In Verbindung mit der ins Extrem gesteigerten Selbstdarstellung ergibt sich eine ernsthafte, liebevoll-kritische Auseinandersetzung mit der Kunst und ihren bis in die Vermarktung reichenden Strukturen, die immer auf Augenhöhe operiert und den Gegenstand der Auseinandersetzung nie der Lächerlichkeit preisgibt, seine Absurdität mit hintergründigem Humor dem Betrachter aber immer wieder aufs Neue vor Augen zu führen weiß.

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V.

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Wenn man also in die klebrigen Fänge einer Venusfliegenfalle geraten ist, sollte man sich nicht grämen, es könnte ja eine wegglersche sein. Und wenn es eine solche ist, erkennt man sie beim zweiten Mal auf den ersten Blick und da man sich aus der ersten im Grunde nie befreien konnte, läuft man in die zweite mit Vergnügen hinein. Ein Weggler ist eben ein Weggler.

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(Text: Julia Gerber)