Die Umwandlung unwerter Fliegen in hochwertige Kunstprodukte

An einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein am Fenster, war guter Dinge und nähte aus Leibeskräften. Dabei schmierte es sich ein Brot mit Mus und weil die Fliegen nicht von diesem lassen wollten, schlug es unbarmherzig drauf. Als es abzog und zählte, so lagen nicht weniger als sieben vor ihm tot und streckten die Beine. Es schneidert sich einen Gürtel und stickte mit großen Buchstaben darauf: “ siebene auf einen Streich! „.

Eingefasst von groß en schwarzen Rahmen, hinter Glas und auf Nessel, laufen schwarze Bänder an Nadeln entlang. Sie formen eine Unterhose, einen Dackel, einen Blumenstrauß und so einiges mehr, was in seiner dreist nach außen gestellten Banalität eben so verkitscht, alltäglich, spießbürgerlich und doch vertraut wirkt wie die zwar edel präsentierten Stickarbeiten selbst. Ihre Herkunft ist nicht zu verleugnen: Hausfrauenkunst, Hobby, eine liebevoll ausgeführte, leicht monotone Handarbeit die den Flur verschönert.

Man könnte weise nickend weitergehen, etwas von Duchamp sich in den Bart murmeln und Sebastian Wegglers Arbeiten so wenig erfasst haben, wie sämtliche Personen, denen das tapfere Schneiderlein begegnet, Bedeutung und Ursprung des Satzes “ siebene auf einen Streich“.

Aber da wir nun mal neugierig sind und handwerkliche Qualität ein nun doch noch einigermaß en objektiver Wert ist, über den man sich allgemein verständigen kann, treten wir näher. Wie dicht sind die Nadeln gesetzt, wie kunstvoll der Faden geschlungen?

Im nächsten Moment dürfen sie alles sein ? überrascht, entrüstet, angetan ? aber eines nicht: enttäuscht. Hätte das Schneiderlein tatsächlich sieben Männer erschlagen, die Geschichte wäre es des Erzählens nicht wert gewesen.

Aus der Nähe betrachtet entpuppt sich der Faden als Aneinanderreihung vieler, dicht an dicht gesetzter Fliegen. Er windet sich nicht um die Nadeln, stattdessen trägt jede einzelne Nadel eine Fliege. Klein, schwarz und tot scheinen sie geradezu über der Leinwand zu schweben. Dabei besteht die Tapferkeit hier wie dort nicht im Erschlagen der Fliegen. Sie und das aus ihnen im Sticken entstandene Missverständnis bilden lediglich den Auftakt und ersten Anhaltspunkt zu einer viel weiter reichenden Queste. In ihrem Verlauf gilt es, ernst zunehmende Gegner mit Witz und tatsächlicher Tapferkeit zu überwinden, winken doch am Ende, wie es sich gehört, Prinzessin und Königreich.

Die Fliegen, das Material, aus der die Arbeit besteht, erweitern das Werk, beziehen neue Kontexte mit ein, spielen mit der ersten Wahrnehmung und lassen unvermittelt an Schmetterlingssammlungen und Kunstexponate denken. Doch so schnell Sebastian Wegglers Werke diese Bezüge aufbauen, so schnell treiben sie sie an ihre Grenzen um sie dort aufzureiben. An der Oberfläche, in der Verbindung von Hausfrauenkunst und Kitschmotiv, etablieren diese Arbeiten eine Einheitlichkeit, die über die Fliegen in ihrer Stoßrichtung unterstützt wird. Gleichzeitig fragen diese Arbeiten aber in ihrer scheinbaren Schlichtheit, über die Problematik der Präsentationsmöglichkeit und des Akzeptanzrahmens von Kunst hinaus, nach ihren Grenzen.

Die Fliegen erheben nicht den Anspruch der Wissenschaftlichkeit. Sie sind massenhaft zur Verfügung stehendes Material, ein Futtermittel und genau so werden sie eingesetzt. Über sie transportiert sich keine Ästhetik des Körpers, die zur derjenigen des Werks wird, sie erzählen keine Geschichte, die sich über ihren Körper unproblematisch auf Motiv und Technik überträgt. So unterläuft die Fliege, im selben Moment in dem sie Kitsch und Hausfrauenkunst mit dem Gestank der Verwesung infiziert, die mit ihr einhergehenden von ihr geradezu herbei gezwungen Assoziationen der Schmetterlingssammlung und vor allem des Kunstexponats. Denn im evozierten Bezugsrahmen muss die Fliege in ihrer ordinären Alltäglichkeit geradezu unwert erscheinen. In ihrer Vertrautheit und Lästigkeit, in ihrem Mangel an Schönheit, ist sie ordinär. Ihr Tod im Dienst der Kunst erscheint daher gleich zweifach obszön. Als einzelne ist sie zu belanglos, um ausgestellt zu werden, und ihr tausendfacher Tod offenbart trotz ihres Unwertes seine Sinnlosigkeit. Gleichzeitig kommt ihr gerade in der Masse kein eigener Wert zu. Diese Fliegen erzählen keine Geschichte von Schönheit, Seltenheit, Jagd und Macht. Die Ästhetik des wegglerschen Werks liegt nicht in der Heraufbeschwörung einer wie auch immer gearteten künstlerischen Ästhetik sondern in ihrer Verweigerung. Sie beschwört in Hausfrauenkunst und Kitschmotiv ? zwei Absoluten der Banalität ? das Niedere, eben die Grenzen der Kunst, doch wurden diese bereits in und als Kunst absorbiert. Erst in den Fliegen wird der Allgemeinplatz überboten und ad absurdum geführt. Sebastian Weggler stickt ein morbides Ballett des Todes in dem Material, Technik und Motiv, in ihrem Zusammenspiel, eine stete Verletzung der gängigen künstlerischen Ästhetik darstellen. Hierin liegt seine Tapferkeit. Sein Witz, sprich sein Geist, liegt in dem charmanten Understatement, das mit der Banalität des Banalen kokettiert, sie zum Gegenstand der Arbeit erhebt. Tod, Kitsch, zur Schau gestellte Kunstfertigkeit, eine Materialbesessenheit, die sich selbst zum Zentrum hat und die Wiederholung des ewig gleichen werden herunter gebrochen, auf das, was sie häufig sind: zu Kunst aufgehübschte Belanglosigkeit, die sich im ersten Blick erschöpft. Er zeigt was für Kunst gehalten wird, kommentiert den Kommentar, schafft Nichtkunst und Kunst in einem. Hierin liegt seine künstlerische Qualität. Über sie gewinnt er Prinzessin und Königreich, die Kunst und ihre changierenden Grenzen, für sich und für uns.

“ Junge mach mir den Wams und flick mir die Hosen, oder ich will dir die Elle um die Ohren schlagen! Ich habe Sieben mit einem Streich getroffen, zwei Riesen getötet, ein Einhorn fortgeführt und ein Wildschwein gefangen und sollte mich vor denen fürchten, die drauß en vor der Kammer stehen! “ Als diese den Schneider also sprechen hörten, überkam sie eine große Furcht; sie liefen, als wenn das wilde Heer hinter ihnen wäre; und keiner wollte sich mehr an ihn wagen. Also war und blieb das Schneiderlein sein Lebtag ein König.

Text: Julia Gerber